Sommercamp im Kasten

Nicht alle können in Urlaub fahren oder fliegen – und die Zahl derjenigen, die solche Einschränkungen haben, wird nicht kleiner. Grund genug für Nicolaj Imhof, ein anderes und dabei höchst soziales Projekt aufzulegen: Das Sommercamp im „Kasten“ (Studieninternat Maria Hilf in Bad Mergentheim), wobei dort nicht alle Tage verbracht werden. Für 16  Mädchen und Jungs im Alter von elf bis 14 aus Bad Mergentheim und Umgebung  - allesamt aus sozial benachteiligten Familien -bot sich heuer zum fünften Mal die Chance, einen ganz besonderen Sommerurlaub zu verbringen. Neben Nicolaj Imhof sorgten fünf weitere Helfer im Alter von 17 bis 21 Jahren dafür, dass jederzeit eine umfassende Betreuung gewährleistet war.

Für die „Urlauber“ wurde ein umfangreiches und abwechslungsreiches Programm organisiert. Das besondere Element dieser Erlebniswoche war aber das aktive Mitwirken und Verantwortung übernehmen der Sommercamp-Gäste. „Nur konsumieren ist nicht“, betonte Imhof im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir wollen das Selbstwertgefühl entwickeln und steigern, den Kindern und Jugendlichen etwas für später mitgeben. Hier können sie herausfinden, wo ihre Stärken liegen, was sie können und wo sie noch an sich arbeiten müssen.“

Damit ein solches Sommercamp für „fast nichts an finanzieller Eigenleistung“ überhaupt möglich ist, braucht es natürlich Sponsoren. Imhof ist sehr dankbar, dass die Sommercamp-Idee Unterstützer findet: Der Main-Tauber-Kreis, der Kreisjugendring Main-Tauber e.V. und die Sportjugend im Main-Tauber-Kreis stehen da schon traditionsgemäß an erster Stelle.

„Wir haben täglich ab 7.50 Uhr Programm. Außerdem machen wir Ausflüge, darunter nach Lauda ins Schwimmbad, nach Unterschüpf zum Fliegen und nach Kloster Schöntal, wo wir in einer Hütte ohne Strom und Wasser zwei Übernachtungen haben. Ein bisschen Survival ist ja immer ein lehrreiches Erlebnis“, meint Imhof. Auch eine Bootsfahrt im Wasserparadies in Tripsdrill und Schwimmen in einem See standen auf dem Programm. Trotz solcher „Events“ steht immer die Pädagogik im Vordergrund: „Es ist auch für uns Betreuer eine Herausforderung, aber unser Mix aus Spiel, Erlebnis, Animation und Motivation kommt bei den Teilnehmern an“, sagt Imhof. Insoweit seien diese Sommercamps „ein Gewinn für alle“, zumal von den Kindern und Jugendlichen viele „erstmals die Gelegenheit haben, zu fliegen – nämlich in einer Sportmaschine, die vom Flugplatz Unterschüpf abhebt. „Unser Motto lautet ganz generell: Ihr könnt vieles, habt Möglichkeiten und entwickelt Perspektiven.“ Dazu gehört auch, „Verantwortung zu übernehmen“, sowohl bei Spielen und Sport als auch bei den täglichen Aufgaben, etwa beim Einkaufen, Kochen und Backen. „Es soll ja allen schmecken.“ Oder auch bei der Unterstützung anderer Teilnehmer, die sich bei der einen oder anderen Aufgabe etwas schwertun. Wer Schwierigkeiten hat, dem wird geholfen

Neben den vielen spielerischen und sportlichen Elementen der Tagesplanung wird auch Englisch spielerisch vermittelt und geübt. Zudem werden von den Teilnehmern diverse Rollen eingenommen: Wie ist es, wenn man eine Behinderung hat? Wie kann man solchen Menschen helfen. Zudem wird „vieles selbstständig erledigt, etwa der Einkauf und die Vor- und Zubereitung der Mahlzeiten. Das machen alle gerne. Und natürlich gibt es auch „Unangenehmes“ – Aufräumen, Abwaschen und die Reinigung der Küche- und des Esszimmers.

Ob es Beschwerden gibt? „Nein“, sagt Imhof, „das hatten wir noch nie!“ Schließlich sei es auch ein pädagogisches Ziel, „zusammen mit den Jungs und Mädchen individuelle Lösungsansätze zu entwickeln und festzustellen, wie man mit Fehlschlägen umgeht und daraus lernen kann“. Wenn also die Rakete beim Basteln nicht so hinhaut und anschließend nicht richtig fliegt, „ist das kein Drama. Wir reden darüber, und dann wird halt nochmal gebastelt. Dann klappt es, und die Teilnehmer nehmen mit nach Hause, dass sie es doch geschafft haben.

“Entsprechende Antworten geben die Teilnehmer übereinstimmend. „Einfach toll ist das Programm“, und selber kochen „macht auch Spaß“. Dass sie nicht alle haben eines – das Handy am Morgen nach dem Eintreffen abgeben müssen und erst am Abend, beim Gang nach Hause, wiederbekommen, „hat mich nur am ersten Tag gestört“, sagt ein Junge. Auch das ist ein Lernerlebnis: Es gibt ein Leben ohne Smartphone.
Was die Teilnehmer ebenfalls mit nach Hause nehmen und am ersten Schultag verkünden können: „Auch ich war im Urlaub, und der was super-toll. Ich hab’ viel erlebt und gelernt.“