Sommercamp im "Kasten"

Eine Woche lang neue Erfahrungen sammeln / Neun Jungs und sieben Mädchen nehmen teil - Lernen, Spaß und Gemeinschaft leben

 

Es ist Sommer, doch nicht alle können wegfahren oder -fliegen. Corona auf der einen Seite, die soziale Realität auf der anderen machen den Sommerurlaub schwierig, ja unmöglich.

Aber 16 Mädchen und Jungs genießen einen  Urlaub im „Kasten“.

 

Keine Urlaubsreise machen zu können ist gerade für Kinder und Jugendliche eine einschneidende Erfahrung. Die typische Frage am ersten Schultag – wo warst du in Urlaub? – können nicht alle beantworten. Tatsache ist: Es gibt viele Familien, die sich schlichtweg keine Urlaubsreise leisten können. „Da muss man was tun“, sagte sich schon vor Jahren Nicolaj Imhof. Der pädagogische Mitarbeiter im Studieninternat Maria Hilf, allgemein als „Kasten“ bekannt, fand die Lösung: Ein Sommercamp für Kinder und Jugendliche bis 15 Jahren aus sozial benachteiligten Familien. Die Prämisse: Bezahlbar und, wer damit Probleme hat, subventioniert. So müssen die Eltern maximal 85 Euro aufwenden. Den Rest übernehmen die Träger – der Kreisjugendring im Zusammenwirken mit den Sportjugenden Tauberbischofsheim und Mergentheim  – und Sponsoren.

Engagierte Sponsoren

Dank eifriger Suche und engagierter Sponsoren findet heuer schon das vierte Mal ein Sommercamp statt – neun Jungs und sieben Mädchen aus der Region erleben aufregende und lernreiche Tage im „Kasten“ und bei den Ausflügen. Möglich macht das in diesem Jahr neben dem Träger der Lions-Club Bad Mergentheim, der sich mit 2000 Euro einbringt. Übrigens: Für das nächste Jahr stellt der Club nochmals 1000 Euro zur Verfügung.

„Wir haben nicht lange debattiert und innerhalb von drei Tagen beschlossen, hier einen Beitrag zu leisten. Das Sommercamp ist eine tolle Sache, da helfen wir gerne“, sagte Lions-Club-Präsident Dr. Norbert Schön, der zusammen mit seinem Amtsvorgänger Klaus Spitzley in den „Kasten“ kam, um sich einen eigenen Eindruck vom Geschehen zu machen. „Wir wollen helfen, diesen Kindern und Jugendlichen ein Erlebnis zu bieten, das sie vielleicht noch nie hatten“, ergänzt Spitzley mit Blick auf das Programm. Die 16 Mädchen und Jungs kommen aus einkommensschwachen Familien, zudem sind sie vielfach lernbehindert. Warum „nur“ 16? „Weil hier schon viel pädagogische Arbeit drinsteckt, und da ist die Teilnehmerzahl begrenzt“, sagt Initiator und „Headcoach“ Nicolaj Imhof. Sein USA-Hintergrund hat zweifellos mit dazu beigetragen, das Sommercamp zu initiieren. Es ist, wie Imhof betont, „kein rundum-sorglos-Paket“, denn von den Teilnehmern wird „Mitmachen“ erwartet. Doch das geschehe „ganz nebenbei und selbstverständlich“, obwohl oder gerade weil es ein wichtiger Inhalt ist. Und die neun Jungen und sieben Mädchen machen da „eifrig, ja begeistert mit. Alle wollen etwas zum Gelingen beitragen.“ Kein Wunder, dass immer wieder Jungs und Mädchen dabei sind, die schon mal ein Sommercamp erleben durften. Mehr noch: „Wir haben heute zwei dabei, die schon Funktionen übernehmen. Ein Junge wird nächstes Jahr als Helfer mitmachen“, sagt Imhof. Apropos Helfer: Einer allein kann nicht überall sein; Nicolaj Imhof braucht deshalb fürs Sommercamp Mitstreiter. Acht „sehr engagierte“ junge Leute im Alter von 16 bis 20 sind mit dabei, darunter Schüler und ehemalige FSJler, „die zum Teil hier im Kasten ihr Freiwilliges Soziales Jahr gemacht haben“. Auch sie erleben eine aufregende Woche. Was wird geboten? Erstaunlich viel! Der Wochenplan ist voll mit Aktivitäten und Aufgaben – gemeinsame Spiele, Einkauf planen und machen, Mahlzeiten vor- und zubereiten, Außenaktivitäten wie etwa eine zweitägige Kanu-Tour oder ein Waldschulheim-Aufenthalt („kein fließend Wasser, kein Strom, keine Heizung“) sind da aufgelistet.

Der Knüller im Programm ist ein Rundflug in einer Cessna – jeweils vier Camp-Teilnehmer heben in Unterschüpf ab. „Das ist das erste Mal, dass sie fliegen und die Welt von oben sehen. Ein einmaliges Erlebnis“, sagt Imhof. Der Reporter fragt deshalb, wie viel Zeit die Vorbereitung fürs Sommercamp wohl erforderte. „Ja, es war schon viel. Aber es macht auch Spaß, wenn man sieht, dass es sich lohnt – für alle Beteiligten und besonders für die Camp- Teilnehmer“, sagt Imhof. Viele Gespräche musste er führen, die Eltern kontaktieren, mit dem Kreisjugendring und der den Sportjugenden Tauberbischofsheim und Mergentheim Kontakt halten und die diversen Programmpunkte organisieren. Und nicht zuletzt musste er auch die Helfer finden, denen diese Woche zwar viel abverlangt, gleichzeitig aber auch viel Freude macht.

Stets mit Hintergrund

„Und gelernt wird auch.“ Englisch zum Beispiel, weil manches eben in der Fremdsprache gemacht wird. Wer als junger Mensch per Interrail oder klassisch per Daumen verreist ist, weiß, wie sehr die persönlichen Englisch-Kenntnisse davon profitierten. Und das bekommen auch die Sommercamp-Teilnehmer mit. Große Gespräche werden nicht geführt, aber ein paar Vokabeln, Sätze und Redewendungen werden abgespeichert. Und auch mit Mathematik haben sie zu tun, wenn es gilt, den Einkauf für die Mahlzeiten zu planen und dann auch zu machen. „Spielerisch, verantwortungsvoll und stets mit Hintergrund“, sagt Imhof dazu. Und er macht deutlich, „dass in dieser Woche alle mal an ihre Grenze kommen, ja diese überschreiten. Sich dann nicht hängen zu lassen, Hilfe anzubieten und anzunehmen, das ist für die Teilnehmer eine ganz wichtige Erfahrung.“ Das Sommercamp ist ein besonderes Ferienangebot. „Es macht viel Arbeit, bringt den Mädchen und Jungs aber viele neue Einblicke und Erfahrungen. Es ist ein ganz besonderer Urlaub, gerade auch, weil sich die Familien keine Reise leisten können.“ Ferien mit Langzeitwirkung also? „Ja“, sagt Imhof, „die Teilnehmer werden sich noch oft und lange daran erinnern. Sie nehmen viel mit aus dieser Woche.“ Das wird auch deutlich beim Gespräch mit Helfern und Teilnehmern. „Eine schöne Erfahrung“ und „es macht Spaß“, sagen die beiden Helfer Miao Zheng und Johanna Behrens. Und ein Mädchen aus Markelsheim erzählt wortreich, was sie schon alles gemacht und erlebt hat im Sommercamp. Da ist die Woche gerade mal zur Hälfte vorüber – und auf dem Plan steht noch vieles, was es zu entdecken und erleben gilt.

Bericht und bilder: Hans-Peter Kuhnhäuser